Es ist der Sommer 1998, als Felix Bourier zum ersten Mal in die Spielstadt kommt. Auf einem Plakat hat er ein paar Tage vorher den Slogan gelesen: “Werde Bürgermeister in Mini-München!” Das hat ihn interessiert.
Bei seinem ersten Besuch in der Spielstadt ist der damals 11-Jährige erstmal etwas überfordert. Er braucht eine Weile, um sich zurecht zu finden. “Ich habe dann angefangen, im Gasthaus ‘Zur Fetten Sau’ zu arbeiten und musste dort Gemüse scheiden”, erinnert sich Felix heute. Dort habe er beobachtet, wie ein paar andere Kinder heimlich MiMüs aus der Kasse stehlen. Das habe er nicht so toll gefunden.
In der Spielstadt fürs Leben lernen
Doch mit der Zeit versteht Felix immer besser, wie das Leben und Arbeiten in der Spielstadt funktioniert. Er beginnt, regelmäßig in der Buchbinde-Werstatt zu arbeiten. Dort versucht er wieder und wieder, das perfekte Buch herzustellen. Ob das geklappt hat, da ist er sich heute unsicher.
Zwei Jahre später, beim nächsten Mini-München, landet Felix schließlich in der Forschungsstadt. Er nimmt an Mikroskopie-Workshops teil und hat Spaß daran, Wassertierchen zu suchen. Gleichzeitig übernimmt der mittlerweile 13-Jährige auch Betreuer-Aufgaben, er kümmert sich beispielsweise um jüngere Kinder. Das Lernen und Arbeiten in der Forschungsstadt ist ein starker Kontrast zu seiner Erfahrung in der Schule: Dort fühlt Felix sich eher unwohl, beschreibt sich selbst eher als Außenseiter. “Ich hatte damals eigentlich keinen Bock auf Schule”, erinnert Felix sich heute. In Mini-München hingegen kann er sich ausprobieren und kommt schnell mit anderen Kindern ins Gespräch.
Vom Kind zum Betreuer
Irgendwann ist Felix zu alt, um in Mini-München mitzuspielen. Weil er sich damit aber nicht einfach abfinden möchte, beginnt er als Betreuer mitzuarbeiten. Seitdem ist er Co-Leiter in der Forschungsstadt. Im echten Leben studiert er Chemie und promoviert schließlich. In Mini-München wiederum kann er dieses Wissen gut einbringen: Dort gibt er Workshops zu unterschiedlichen Themen aus den Naturwisschenschaften. Beispielsweise beobachtet er mit den Kindern Libellen und Fische oder erklärt ihnen, wie man die Dichte von Wasser durch Wasser oder Salz verändert. Gleichzeitig unterstützt er Kinder und Jugendlichen dabei, in Mini-München eine Doktorarbeit zu schreiben. Denn wer in der Spielstadt promoviert wird, kann Kinder-Professor werden und andere Kinder unterrichten.
Mini-München als Ort der Selbstermächtigung
Das Tolle ist für Felix, dass sich in der Spielstadt Kinder und Betreuer auf Augenhöhe begegnen könnten. “Einerseits braucht es zwar wirklich eine gewisse Strenge aus Sicherheitsgründen,” berichtet Felix. Denn sie würden in den Workshops mit echten Chemikalien arbeiten. Gleichzeitig sei das Tolle aber, das man sich selbst dabei nicht so ernst nehmen müsste. “Letztes Jahr haben wir mit den Kinder-Professoren Gehirn-Pudding gemacht und den verkauft,” so Felix.
“Als Kind musst du in Mini-München im Team arbeiten und auch wirklich Verantwortung übernehmen.” – Dr. Felix Bourier
Fast dreißig Jahre nach seinem ersten Mini-München ist Felix noch immer ein Fan von der Spielstadt. Denn man lerne dort andere Dinge als in der Schule: “Beispielsweise musst du als Kind in Mini-München im Team arbeiten und auch wirklich Verantwortung übernehmen.” Die Kinder seien dabei oft mit anderen Kindern in Kontakt, die teils einen vollkommen anderen Bildungsstand hätten und andere Stärken und Schwächen. Das wiederum sei eine gute Vorbereitung auf das echte Leben, so der Chemiker.
Aus diesem Grund setzt er sich dafür ein, dass die Spielstadt erhalten bleibt. Als im Herbst 2025 unklar ist, ob die Spielstadt weiterhin stattfinden kann, ist Felix eines der Gründungsmitglieder des Fördervereins. “Für uns war Mini-München nie nur ein Spiel, sondern eine erste Lektion in Demokratie, Kunst und Kultur”, so Felix.